Ärzte und Impfzentren überfordert mit Impfdränglern - TV-Reportage deckt auf

 
 

Ärzte und Impfzentren klagen über eine zunehmende Aggressivität der Impfwilligen und kriminelle Energie von Impfvordränglern. Im Interview mit "Report Mainz" erklärte etwa der Sprecher der Sozialbehörde Hamburg, Martin Helfrich: "Die Stimmung wird aggressiver. Den Menschen ist teilweise sehr klar, dass sie nicht berechtigt sind und trotzdem versuchen sie, sich impfen zu lassen." Weil Geimpfte jetzt mehr Rechte bekommen, könnte das Problem noch größer werden, warnen Experten.

Auch die Ankündigungen aus der Politik, die Impfreihenfolge könnte bald aufgehoben werden, führt zu Kritik. Prof. Franz-Josef Bormann, Moraltheologe und Mitglied des Ethikrates, erklärte: "Sie dienen weitgehend zur Selbstprofilierung der Damen und Herren, die diese guten Botschaften unters Volk bringen. Man merkt deutlich, es ist Wahlkampf." Auch der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission, Prof. Thomas Mertens, rät zunächst an der Priorisierung festzuhalten.

Rund 2.000 Impfvordrängler in einer Woche in Hamburg

Nicht alle Impfzentren in Deutschland erfassen Zahlen zu Impfvordränglern. Auf "Report Mainz"-Nachfrage bei den Impfzentren der Landeshauptstädte liefern einige aber zumindest Anhaltspunkte: In Saarbrücken zum Beispiel werden bis zu 140 Vordrängler in der Woche erwischt, in München sind es bis zu 350. Das Hamburger Impfzentrum meldet zuletzt sogar 2.000 Vordrängler in einer Woche. Um vorzeitig an einen Impftermin zu kommen, würden etwa falsche Alters- oder Berufsangaben gemacht.

Oft unzulängliche oder fehlende Kontrollen

Die Impfzentren können nicht jedem Impfvordrängler auf die Spur kommen. "Report Mainz"-Recherchen zeigen, dass die Regelung, Kontaktpersonen von Pflegebedürftigen oder Schwangeren vorzuziehen ein Einfallstor für Impfvordrängler ist. Eigentlich kann eine pflegebedürftige Person zwei Kontaktpersonen benennen, die dann eine Impfung erhalten. In einem "Report Mainz" bekannten Fall schafften es aber statt zwei Personen sogar acht junge und gesunde Leute, sich als Kontaktpersonen impfen zu lassen: "Im Impfzentrum hat keiner nach den Dokumenten gefragt", erklären sie. Fehlende Kotrollen bestätigen auch andere Impflinge. So werde zum Beispiel der Name der schwangeren oder pflegebedürftigen Person nicht erfasst. Auf Nachfrage von "Report Mainz" erklären die meisten Bundesländer dazu, eine absolute Kontrolle sei nicht möglich, man vertraue auf wahrheitsgemäße Angaben.


Mit Aufhebung der Priorisierung steigt Konkurrenz um Impftermine

Mit dem Ende der Impfreihenfolge, das die Politik für spätestens Juni angekündigt hat, werden noch mehr Menschen um einen Impftermin konkurrieren. Laut Ständiger Impfkommission haben aber noch nicht alle Menschen mit einem hohen Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf ein Impfangebot erhalten. Der Vorsitzende der STIKO, Prof. Thomas Mertens, rät deshalb, an der Priorisierung zunächst festzuhalten: "Als STIKO und mithilfe der RKI-Impfdaten haben wir berechnet, dass es noch ungefähr zehn Millionen Menschen gibt, die priorisiert sind und die kein Impfangebot erhalten haben. Leider Gottes ist aber auch das Problem der Impfung gegen Covid-19 mittlerweile Gegenstand der politischen Auseinandersetzung und vielleicht sogar zum Wahlkampfthema geworden. Das tut aus meiner Sicht den Dingen, der sachlichen Beurteilung, nichts Gutes." Ähnlich argumentiert auch Prof. Franz-Josef Bormann, Moraltheologe an der Universität Tübingen und Mitglied im Ethikrat: "Zu erwarten ist, dass sobald der Startschuss fällt, der große Run auf die Arztpraxen erfolgt. Und ich finde es nicht richtig, dass man die Organisations-Last jetzt einfach den Arztpraxen aufdrückt. Es gibt eine neue Knappheitssituation und das führt zu Frustrationen, zu Ärger und wachsender Ungeduld."

"Report Mainz" am Dienstag, 11.5.2021, 21:45 Uhr im Ersten.

 
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Autor: Florian Ulrich
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Mit Material von OTS