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Netflix: Konto teilen mit Freunden ist erwünscht

 
 

Streaming-Konten teilen macht jeder, auch wenn es nicht ganz legal ist, denn meistens steht in den Nutzungsbedingungen, dass der Anbieter das Weitergeben der Zugangsdaten außerhalb des Haushalts oder der engsten Familie verbietet. Netflix sieht das allerdings anders.

204 Millionen Menschen zahlen derzeit für ein Netflix-Konto. Die Nutzerzahl dürfte aber ein Vielfaches betragen, denn natürlich gibt fast jeder seinen Besties den Zugang weiter und man teilt sich die Kosten. Und während andere Anbieter dagegen vorgehen, bleibt Netflix gelassen.

Fragt man nämlich in der Netflix-Zentrale an, wie mit diesem Thema umgegangen wird, dann bekommt man die immer gleiche Antwort zu hören: “Wir beobachten die Situation”. Und das schon seit mehreren Jahren. Man scheint sich also nicht daran zu stören, dass nur ein Bruchteil der Nutzer auch wirklich für den Netflix-Zugang bezahlt.

Warum ist das so? Netflix sieht sich einer wachsenden Konkurrenz gegenüber, immer mehr Streamingdienste schiessen wie Pilze aus dem Boden und noch ist man die Nummer eins. Das war bei Sky auch mal so, bevor Netflix kam. Und wer von euch schon einmal Kunde bei Sky war, der kann ein Lied von deren Restriktionen singen: Nur soundsoviel Geräte können sich anmelden, nur soundsoviel Nutzer gleichzeitig gucken. Das soll bis heute verhindern, dass man sich mit (zu vielen) Freunden einen Zugang teilen kann.

Im Extremfall führt das aber dazu, dass man einen neuen Fernseher oder einen frischen Stick nicht mit seinem Sky Konto nutzen kann, weil die Slots schon voll sind. Löscht man ein Gerät, muss man bis zum Monatsende warten, damit man ein weiteres anmelden kann. Super nervig und kein bisschen schön.


Übrigens wird auch in der Audiowelt kontrolliert: Spotify zum Beispiel erlaubt das Teilen nur in der Familie, das wird auch über IP-Adressen kontrolliert und der Mißbrauch schriftlich per Mail angemahnt, das Konto dann ggf. geschlossen. Es steht also immer eine Drohung im Raum, wenn man sein Spotify Konto teilt - und ganz so einfach ist es halt eben nicht immer: Ist eines der Kinder beispielsweise Student und wohnt in einer anderen Stadt, dann kann das Spotify kaum anhand der Nutzung nachvollziehen. Legal ist es laut AGBs trotzdem, eventuell muss man sich mit dem Anbieter dann langwierig befassen, wer will das schon?

Das alles fühlt sich nicht schön an. Und solche Nutzungserlebnisse will man bei Netflix mit aller Macht vermeiden. Man sieht sein Produkt als “Lifestyle”, also als Lebensgefühl. Und nicht als schnöde technische Dienstleistung. Deswegen muss sich die Nutzung einfach gut anfühlen. Das Leben mit Netflix soll schön sein. Man soll sich dort wohl fühlen.


Hinzu kommt, dass Netflix vermutet: Wer schon jetzt nicht den vollen Preis zahlt, der zahlt ihn auch nicht, wenn man ihn zwingen will. Und bevor man also User wieder den illegalen Tauschbörsen überlässt, nutzt man sie lieber für das Netflix-Marketing. Denn nichts ist besser als Mundpropaganda. Da hilft es natürlich, wenn möglichst viele Menschen bei Netflix Filme und Serien gucken und weiterempfehlen. Das ist die beste Werbung und praktisch unbezahlbar.

Netflix ist also ein Gesamtkunstwerk, mit dem ihr euch wohl fühlen sollt. Dafür nimmt der Streamingriese auch in Kauf Milliarden von Dollar an direkten Einnahmen zu verlieren. Analysten schätzen den Ausfall durch geteilte Passwörter bei Netflix auf bis zu 6 Milliarden Dollar pro Jahr. Kein kleines Sümmchen, aber eben Teil einer Strategie um Netflix als Lifestyle in unseren Leben zu platzieren. Und das finden wir gut, denn so können wir unsere Netflix-Konto angstfrei mit unseren Liebsten teilen. Das fühlt sich übrigens tatsächlich gut an.

 
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Autor: Jochen Becker
Gesprächswert: 95%